Der Gänsegeier (Gyps fulvus)

 

 

Der Gänsegeier ist ein Altweltgeier aus der Gattung Gyps. Mit Spannweiten  von bis zu 280 cm und einem Gewicht von bis zu 11 kg gehört er in Europa zu den größten Greifvögeln und ist selbst eine der größten und schwersten Geierarten. Sein Lebensraum sind Trockengebiete und Weidegebiete. Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich im Westen von der Iberischen Halbinsel über Italien, den Balkan, über das östliche Mittelmeer nach Vorderasien und von dort nach Zentral-Asien und Nord-Indien.

 

Wie sieht der Gänsegeier aus?

 

Der Gänsegeier gehört zu den großen Altweltgeiern. Im Aussehen ähnelt er dem Himalayageier und ist größer als der Seeadler. Mächtiger Korpus mit langem Hals, kurzem Schwanz und langen breiten Flügeln. Am Halsansatz trägt der Gänsegeier eine weiße Halskrause, die bei den juvenilen und immaturen Individuen noch braun ist. Im Flug sind die breiten gefingerten Handschwingen zu sehen. Die inneren Handschwingen sind kürzer als die anschließenden Armschwingen. Der kurze Schwanz ist leicht keilförmig. Im Segelflug werden die Schwingen leicht v-förmig gehalten, während sie im Gleitflug leicht angewinkelt werden. Armschwingen, Handschwingen und Schwanz sind schwarz. Rumpffedern (Körperfedern) und Flügeldecken sind hellbraun, und wirken bei hellem Licht fast weißlich. Der lange Hals und der Kopf sind mit weißlichen Dunen bewachsen.

 

Verfolgung, Schutz und Entwicklung beim Gänsegeier

 

Wie auch bei den anderen drei europäischen Geierarten, wurde der Gänsegeier in Europa systematisch verfolgt und beinahe ausgerottet. In 1946 war der Gänsegeier bereits in den französischen Cevennen ausgerottet worden. Bejagung und das Auslegen von Giftködern hatten dieses Werk vollbracht. Nachdem dann in Frankreich das Ausbringen von Giftködern verboten wurde, begann die Auswilderung in den Cevennen mit einem Zuchstamm aus 50 Individuen. Die Auswilderungen wurden seitdem kontinuierlich fortgesetzt.

 

In Spanien existiert heute die größte Brutpopulation der Gänsegeier in Europa, wo nach der letzten Zählung in 2018 nun von einem Bestand von 31.000-37.000 Brutpaaren ausgegangen werden kann. Da spanische Viezüchter inzwischen Kadaver von verendeten Nutztieren in der Landschaft liegen lassen, bzw. ausbringen dürfen, hat sich auch dort die Versorgungssituation für die Gänsegeier massiv verbessert. Auch in den Cevennen hat sich mittlerweile eine stabile Population etabliert. Die zweite große Population befindet sich im Kaukasus.

 

 

 

Wo können wir Gänsegeier in Europa beobachten?

 

In den südfranzösischen Cevennen liegt das Gebiet, in dem wir alle vier europäischen Adler (Gänsegeier, Mönchsgeier, Bartgeier und Schmutzgeier) in einem einzigen Gebiet beobachten können. Als weiteres Gebiet sind in Frankreich die Pyrenäen zu nennen, wo die Gänsegeier ebenfalls brüten.

 

In Österreich sind die Hohen Tauern (Bundesländer Tirol, Salzburg und Kärnten) das einzige Gebiet, in dem Gänsegeier beobachtet werden können. Bisher brüten die Gänsegeier noch nicht in den Hohen Tauern. Bei den dort gesichteten Individuen handelt es sich bisher nur um juvenile und immature Geier, die noch nicht in das Alterskleid umgefärbt haben. Diese Gänsegeier kommen aus den Brutgebieten in Kroatien und dem italienischen Friaul (Nordost-Italien angrenzend an Österreich und Slowenien), um in den Hohen Tauern den Sommer zu verbringen.

 

In der Schweiz sind Gänsegeier ab Mitte der 1990er Jahre zu beobachten. Die besten Möglichkeiten dazu bieten sich in der Region Kaiseregg (Kanton Freiburg) und im Berner Oberland. Aufgrund der Nähe zu den französischen Brutgebieten sind Sichtungen daher keine Seltenheit. Bei den Sichtungen handelt es sich meistens um verstreichende junge Gänsegeier, die noch nicht in das Alterskleid umgefärbt haben.

 

In Kroatien brüten die Gänsegeier auf den Inseln Plavnik, Krk und Prvi´c, sowie im Reservat in der Tramuntana.

 

Auch in Deutschland ist es möglich, junge Gänsegeier zu beobachten. Die besten Möglichkeiten dazu bieten sich in den Allgäuer Alpen (Nebelhorn, Fuchskarspitze, Oberstorf) und möglicherweise auch im Bereich des Nationalparks Berchtesgaden.

 

In Spanien ist der Gänsegeier inzwischen schon fast in allen Gegenden anzutreffen.

 

 

Steckbrief: Gänsegeier

 

Brutzeit – Gelege – Größe – Gewicht – Nahrung – Biotop – Alter

 

Systematische Einordnung:

Ordnung: Greifvögel (Accipitriformes)

Familie: Habichtverwandte (Accipitridae)

Gattung: Altweltgeier (Gyps)

Art: Gänsegeier

 

Beschreibung:

Wissenschaftlicher Name: Gyps fulvus

Artname in Englisch: (Eurasian) Griffon Vulture

Artname in Französisch: Buitre Leonado

Artname in Niederländisch: Vale Gier

Artname in Finnisch: Hanhikorppikotka

Artname in Dänisch: Gåsegrip

Artname in Schwedisch: Gåsgam

Artname in Polnisch: Sęp płowy

Artname in Russisch: Belogolowy Ssip

 

Vorkommen / Verbreitung: Der Gänsegeier besiedelt die Trockengebiete von Süd-Europa, Nordafrika sowie in Asien Gebiete zwischen Vorder- und Zentralasien. In Asien erstreckt sich die Verbreitung bis in die nordwestliche Mongolei und nach Süden nach bis nach Nord-Indien und Bangla Desh.

 

Wanderungen: In seinem Brutgebiet ist der Gänsegeier Standvogel. Von den Jungvögeln sind Zerstreuungswanderungen bekannt. Zugbewegungen führen meistens südlich, dann teilweise bis nach Marokko oder nach Vorderasien. Teilweise sammeln sich bis zu 100 Gänsegeier, um über den Bosporus nach Süden zu ziehen. Nichtbrüter übersommern überwiegend im Norden des Verbreitungsgebietes. Nahrungsmangel führt überwiegend zum Wegzug.

 

Überwinterung Vereinzelt überwintern Gänsegeier in den Pyrenäen und im Balkangebiet, sowie im südlichen Kaukasus und im Elburs.

 

Lebensraum – Biotop: Bevorzugt aride Gebiete mit Karstgebirgen und steppenartige Ebenen. Im Norden des Verbreitungsgebietes werden auch Weidegebiete aufgesucht. .

 

Verhalten Die Schlafplätze werden erst mit beginnender Thermik verlassen, also relativ spät am Vormittag. Dann beginnen die teilweise stundenlangen Suchflüge nach Nahrung im Nahrungsgebiet. Am Boden Bewegung durch Schreiten und Hopsen, teilweise sind sogar weite Sprünge möglich. Der Gänsegeier ist ein ausgezeichneter Gleit- und Segelflieger. Ruderflug nicht sehr schwerfällig, bei dem die Flügel langsam auf und abgeschlagen werden.

 

Der Gänsegeier gehört ebenfalls zu den Kadaververwertern. Diese sind stärker von der Thermik abhängig und so beginnt der Gänsegeier seine Tätigkeit ab dem späten Vormittag, mit dem Einsetzen der Thermik. Der tägliche Suchflug dauert täglich 7-8 Stunden.

 

Kennzeichen Größer als Seeadler und kleiner als Mönchsgeier. Das Flugbild zeigt lange, brettartige Flügel mit breit gefächerten Handschwingen. Innere Handschwingen sind kürzer, daher wirkt der Flügelhinterrand bei gestrecktem Flügel leicht geschwungen. Schwanz kurz, im gespreizten Zustand leicht keilförmig. Im Segelflug werden die Flügel leicht V-förmig gehalten. Gleitflug mit leicht angewinkelten Flügeln. Flügel, Flügeldecken, Schwanz und Körper beim ad. Vogel braun, bei den juv. dagegen erheblich dunkler.

 

Langer Hals, Kopf mit weißen Dunen und weißer Halskrause; bei juv. sind Hals und Kopf schmutzig weiß und die Halskrause hell rostbtraun .

 

Schnabel: dunkel mit heller Basis, nackte Stellen am Halsansatz sind blau

Wachshaut: blaugrau.

 

Füße: grau bis blaugrau

Iris: ad. = gelbbraun bis gelblich; juv. / immat. =braun.

 

Größe: 95-105 cm

Gewicht: 6-11 kg

Spannweite: 240-280 cm

Flügellänge:

♂: 68.5-75,0 cm

♀: 72,5-77,5 cm

 

Stimme - Ruf: Überwiegend wenig ruffreudig. Rufe vor allem am Schlafplatz und am Kadaver, im Flug eher schweigsam. Laute sind Kreischlaute und Keckern.

 

Geschlechtsreife: Beim Gänsegeier tritt die Geschlechtsreife erst mit dem 4-5. Lebensjahr ein.

Paarungszeit: monogame Dauerverbindung wird angenommen. Die Balz beginnt im Dezember.

 

Bruten1 Jahresbrut

Eiablage: frühestens ab Anfang Januar, bis Februar; in höheren Lagen auch erst im März.

Brutzeit: Anfang Januar bis spätestens Ende Mai

 

Nest: Nest besteht aus dünnen Zweigen, deren Mulde mit weicherem grünen Material ausgelegt wird. Beide Altvögel bauen am Nest. Nest-Durchmesser 60-100 cm, bei einer Höhe von nur 20-30 cm.

Neststandort - Brutrevier: Brütet in überdachten Nischen, Halbhöhlen im Fels und auf Felsbändern. Brütet in Kolonien.

 

ei des gaensegeier museum wiesbaden common license
Ei des Gänsegeiers - Attribution: Klaus Rassinger und Gerhard Cammerer, Museum Wiesbaden, CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>, via Wikimedia Commons - siehe Bildnachweise

 

Gelege: (selten 2-) 1 Ei

Eier: Das Ei ist breitoval bis rundlich, auch elliptisch, bei meist weißer Schale, die auch mit rostbraunen Flecken versehen sein kann.

Nachgelege: Ersatzgelege bei Brutverlust möglich, aber selten. Meistens Aufgabe des Brutgeschäfts.

 

Legeabstand: ??.

Brutbeginn: Nach Ablage des ersten Ei.

Brutdauer: 47-57 Tage, es brüten beide Altvögel

Schlüpfen: Bei zwei Eiern schlüpfen die Jungen im Abstand des Legeintervals.

 

Nestlingsdauer - Führungszeit: Bei zwei Eiern überlebt nur das ältere Junge. Bedunter Nesthocker, der anfangs intensiv gehudert wird. Beide Altvögel füttern. Frühestens nach 80-90 Tagen wird das Nest erstmals verlassen. In der Regel verlässt das Jungen das Nest nach 113-159 Tagen.

 

Flügge: Nach dem Verlassen des Horstes ist das Junge flugfähig wird aber noch mehrere Wochen von den Altvögeln betreut und auch gefüttert.

 

 

Nahrung: Der Gänsegeier ernährt sich ausschließlich von Kadavern, darunter vor allem mittelgroße bis große Säugetiere, auch wenn die Kadaver schon in die Verwesung übergegangen sind. Der Gänsegeier verwertet Eingeweide, Muskelfleisch und kleine Knochen. Die oftmals aus der Bevölkerung vorgebrachten Befürchtungen, der Gänsegeier würde lebende Weidetiere reißen, konnten nie nachgewiesen werden.

 

Lebensdauer: Der älteste bekannte Gänsegeier erreichte, in der Gefangenschaft ein Alter von 55 Jahren (Zoo Salzburg).

 

Mortalität - Sterblichkeit: Junggeier der Gattung Gyps sind in den ersten 2 Monaten noch sehr gefährdet. In dieser Zeit kommen die meisten der ausgeflogenen Individuen um. Wenn der Junggeier die ersten 2 Monate überlebt hat, steigen seine Chancen, die Brutreife zu erreichen. Nur 50% der Junggeier erreichen überhaupt das Ende des ersten Lebensjahres. Nur 8% erreichen noch die Brutreife.

 

Feinde und Gefährdungen: Hauptgefährdung ist die menschliche Verfolgung, das Auslegen von Giftködern gegen Raubsäuger wie z.B. den Wolf. Durch das Fehlen von Kadavern in der Weidewirtschaft wird die Nahrungsgrundlage der Geier eingeengt bzw. vollständig vernichtet. Ebenfalls kommt es zu Ausfällen durch Kollisionen mit Leitungen. Tourismus in abgelegenen Gegenden führt ebenfalls zu Störungen.

 

Jagdbares Wild: Nein

Jagdzeit: Nein, Naturschutz

 

 

Quellennachweise

 

Bauer, Hans-Günther, Bezzel, Einhard et. al. (HG), Kompendium der Vögel Mitteleuropas, Band 1+2, Sonderausgabe 2012, Aula Verlag, Wiebelsheim

Bauer, Hans-Günther, Bezzel, Einhard et. al. (HG), Kompendium der Vögel Mitteleuropas, Band 3, Literatur und Anhang, Aula Verlag Wiebelsheim, 2. vollständig überarbeitete Auflage 1993

Baumgart, Wolfgang, Europas Geier, Flugriesen im Aufwind, AULA-Verlag Wiebelsheim, 2001

Bezzel, Einhard, Kompendium der Vögel Mitteleuropas, Non-Passeriformes, Band 1, AULA-Verlag Wiesbaden, 1985

Bruun/Singer/König/Der Kosmos Vogelführer, Franck'sche Verlagshandlung Stuttgart, 5. Auflage 1982

Glutz von Blotzheim, Urs et. al (HG), Handbuch der Vögel Mitteleuropas, Band 4, Falconiformes, AULA-Verlag Wiesbaden, 2. durchgesehene Auflage 1989

Mebs, Theodor et. al, Die Greifvögel Europas, Franck-Kosmos Verlags GmbH, 2. Auflage 2014

Svenson, Lars et. al, Der Kosmos Vogelführer, Franck-Kosmos Verlag GmbH & Co. KG, Stuttgart, 2. Auflage 2011

 

Weiterführende Links

 

Vultures Conservation Foundation - European Vulture Protection and Conservation

 

 

Bildnachweise

 

Ei des Gänsegeier; Attribution: Klaus Rassinger und Gerhard Cammerer, Museum Wiesbaden, CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>, via Wikimedia Commons; File URL: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/51/Gyps_fulvus_MWNH_0732.JPG; Page URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gyps_fulvus_MWNH_0732.JPG

 


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